Woche zwei

-let's volunteer-

[21.08.2017]

Wider Erwarten begann die Woche für mich erneut mit Seminaren und das wird auch bis zur Ankunft von Fabian so bleiben. Ganz klassisch ging es um sexuelle Belästigung. Wie in jedem US Film, der in irgendeinem Unternehmen spielt.

Aufregung kam dann zur Mittagszeit ins Spiel. Nichts ahnend nahm ich mein Lunch in der Kantine zu mir, als ein harmloser Vorfall, das Werfen von Kirschtomaten, zu einem Kampf der Jugendlichen ausartete. Es wurde geschrien, der ein oder andere rannte nach draußen in die Freiheit und jeder machte was er wollte. Ich war beeindruckt, wie kühl und besonnen die Mitarbeiter reagiert haben. Ihrer ruhigen Haltung war es schließlich zu verdanken, dass der Eskalation schnell beigelegt war und jeder zurück in seinen Dorm ging.

Wie Ms Harris, mein Supervisor, sagte, sind dies einfach nur Kinder. Leider haben sie in der Zukunft schlechte Entscheidungen getroffen, was sie aber nicht zu schlechten Menschen macht, genau wie ich weder schlecht noch gut bin. Wir werden in diesem System nach der Güte unserer Entscheidungen beurteilt. Dieses Denken ermöglicht eine ganz andere Herangehensweise an die Kids hier im Camp, als ich es mir vor meiner Anreise ausmalen konnte und ich hoffe, dass mir dieses Denken helfen wird, genau so ruhig und gelassen an die ein oder andere noch bevorstehende, hitige Situation heranzugehen.


Für den Augenblick genieße ich es einfach draußen auf unserer kleinen Holzterrasse, mit einer alten Holzbank darauf, zu sitzen, in aller Ruhe diese Zeilen zu schreiben und dabei hin und wieder in die Sterne zu schauen. Diese sind hier weit heller und klarer, als ich es je gekannt habe. Weit weg von jeder Großstadt und ihren blendenden Lichtern und dröhnenden Motoren. Alles was ich hören kann, sind Zikaden, hin und wieder eine Eule und das tropische Feeling vom Süden Nordamerikas.

[22.08.2017]

Heute Morgen erfuhr ich, dass mein letzter Tag des Trainings angebrochen sei und ich ab morgen die Personalabteilung unterstützen würde. Dazu habe ich heute meine ID Karte erhalten.

Der Restliche Tag im Gulf Coast Trades Centers verlief ziemlich spannend. Fast 7 Stunden hatten ich und mein Kurs alles zum Thema Deeskalation und Selbstverteidigung in der Theorie und in der Praxis gelernt. Für den Fall aller Fälle natürlich.

Am Abend dann bin ich zusammen mit Lukas nach Willis gefahren. Dort haben wir in einem Fitness Center an einem Probetraining teilgenommen. Den dort geltenden Bedingungen und Preisen nach, werden wir diese Einrichtung allerdings nicht erneut aufsuchen.

Zuletzt bleibt mir nur zu sagen, dass ich mich auf den morgigen Tag freue und gespannt bin, welche Aufgaben mich erwarten werden.

[23.08.2017]

Heute war nun endlich mein erster Tag richtiger Tag als Freiwilliger hier. So kam ich früh morgens im Büro an und mir wurde die erste simple Aufgabe zugewiesen, die mich dann auch für den Rest des Tages beschäftigt hat. Hunderte von Akten alter Mitarbeiter ausheften und sortiert in neue Ordner stecken, um diese aus dem Büro zu schaffen und im Lagerhaus für die Nachwelt aufzubewahren. Zwischendurch bekam ich noch eine Führung durch das Camp. Wir besichtigten die Dorms und verschiedene Einrichtungen. Alles was ich davon mitnehme ist, dass der Aufenthalt hier für die Kids alles andere als Urlaub ist und dass ich auch das ein oder andere mal mürrisch wäre, würde ich dort aufwachen.

Später durfte ich noch ein paar Kids über den Campus eskortieren, da diese sich nicht ohne Bewachung aufhalten dürfen und schon war mein erster Tag vorbei.

In der Zwischenzeit ist auch schon Fabian gelandet und wird bald zu uns stoßen, sodass wir ab heute Abend endlich vollzählig sind.

[24.08.2017]

Nach acht Stunden des Sortierens von Akten, Papieren und was sonst noch in meinem neuen, aber von nun an ganz meinem Büro so rumliegt, ging es wieder in den Trailer. Da meine Supervisorin heute nicht da war, war ich auch alle gefühlt 20 Sekunden damit beschäftigt, ans Telefon zu gehen und und Fragen zu beantworten, sowie die Leute weiterzuleiten. Da lernt man die Vorteile vom Papierlosen Büro wirklich schätzen.

Dann endlich zu Hause sind wir nunmehr zu dritt zum Walmart nach Conroe gefahren um uns für den bald ankommenden Klasse 3 Hurricane einzudecken. Dieser wird am Freitag hier auf Land treffen und uns für einige Tage Orkan und Starkregen bescheren. Mit einem Jahresvorrat an Chips und Getränken ausgerüstet, kann das stürmige Wochenende bald beginnen.

[25.08.2017]

Da heute die zweite Bürokraft krank war und Ms Harris den Tag in einem Vorstandsmeeting verbrachte, war ich auf mich gestellt. Zu erst hieß es nur, dass ich Tonnen von Akten Schreddern soll aber dabei sollte es nicht bleiben, da ich alle eingehenden Anrufe abnehmen musste und das Telefon teilweise drei gleichzeitig eingehende Anrufe verzeichnete. Also habe ich die Leute zur jeweiligen Stelle verbunden, vertröstet und natürlich darüber informiert, was denn mit ihren Kindern wird, wenn uns der Hurricane trifft.

Für diesen Klasse 3 Hurricane sind wir nun top vorbereitet, auch wenn das heißt, dass wir das Wochenende und wahrscheinlich auch die ersten Tage der nächsten Woche hier fest sitzen und das Schauspiel beobachten müssen. Zur Not können wir dann immer noch zur Kantine schwimmen.

Wie schon vorhergesagt, hat es heute den gesamten Tag lang geregnet. Und das in Strömen. Zum Glück hat der Hurricane um uns einen Bogen gemacht und ist westlich abgedriftet. So haben wir, anders als vorhergesagt, nicht das Innere des Sturms erleben müssen, sondern nur den Rand und einige Zellen, die uns erwischt haben. Das heißt, wie schon gesagt, Starkregen und herunterfallende Äste, die auf dem Blechdach trommeln.

Das alles hat uns trotzdem nicht daran gehindert, draußen in einer ruhigen Minute etwas Ball zu spielen. Sonst bestand der Tag eher aus Game of Thrones, ein paar Computerspielen und viel besonders viel auf der Couch liegen.